MohnblütenVesna Ivkovic

Basic Instinct

Ein Spiel um Sex, Macht und Tod
– Venus, Pluto und Lilith

„– Jeder mit dem sie spielt geht drauf.
– Ja, das kenne ich gut.“

 

Sexueller Tabubruch ...

Als Basic Instinct 1992 ins Kino kam, sorgten die fürs damalige Mainstream-Kino ungewöhnlich expliziten Sex-Szenen – bemerkenswert ist der vermutlich erste Leinwand-Cunnilingus des Hollywood-Films (1) – für einen Skandal. Der Niederländer Paul Verhoeven scherte sich nicht um die amerikanische Prüderie, überschritt mithilfe seiner Stars die Grenzen des bis dato in Hollywood Erlaubten und setzte neue Maßstäbe für das “Erotik-Thriller”-Genre.

Michael Douglas hatte damals bereits mehrfach die Rolle des von „gefährlichen Frauen“ um die Sicherheit seiner gewohnten männlichen Macht gebrachten Durchschnittsmannes ausgefüllt (z.B. Der Rosenkrieg, Eine verhängnisvolle Affäre), und Sharon Stone schrieb als Catherine Tramell dem Typus der Femme fatale eine bislang ungewohnte Direktheit an sexueller Aggression bei gleichzeitiger intellektueller Überlegenheit ein.

 

...und eine neue alte Femme fatale

In der Geschichte von der mörderischen Frau, die beim Sex tötet, findet sich eine Verbindung von Venus und Pluto, die Verknüpfung des Eros, sexueller Liebe und Leidenschaft, mit tödlicher Gefahr. (2)
Basic Instinct ist aber vor allem ein Film über die aggressiven und zerstörerischen Kräfte des Weiblichen – und illustriert damit sehr deutlich den Lilith-Archetypus: Nicht nur steht jede der  vier mit ihrer Geschichte präsentierten Frauenfiguren des Films (Catherine Tramell, ihre Freundinnen Roxy und Hazel, aber auch Elisabeth, die Polizeipsychologin), zumindest im Verdacht eine Mörderin zu sein. Gerade die beiden Nebenfiguren, Hazel und Roxy, enge Freundinnen der Protagonistin, haben sogar eigene Kinder bzw. jüngere Brüder getötet, was an den mörderischen Zorn der mythologischen Lilith gegenüber der ihr zugedachten Rolle als Mutter und dem Mann Untergeordnete erinnert und eine Verbindung zu ihrem Ruf als Kindsmörderin knüpft.

 

Blutrünstige Mörderinnen und die Angst vor weiblicher Destruktivität

Auch die ausgesprochen blutige und brutale Art des Mordens in allen Fällen, die uns der Film präsentiert, entspricht jener Gewalttätigkeit, die all den gefürchteten und mächtigen, destruktiven mythischen Frauenfiguren und Göttinnen von Artemis und Kali bis Medea, Morrigan und Lilith zugeschrieben wird: angefangen mit dem berühmten Eispickel bis zu den von Hazel und Roxy begangenen Morden, von denen wir – wie Nick, der Polizist, der sich von Catherine Tramell angezogen fühlt – nur aus zweiter Hand erfahren, mordeten die Frauen mit Stichwaffen, die sie in einem Zustand heftiger Raserei vehement und aggressiv gegen ihre Opfer einsetzten.
Nichts an dieser Art des Tötens ähnelt der statistisch für Mörderinnen typischen Vorgehensweise mithilfe von List und Tücke, Gift oder anderen “sauberen” Mordmethoden. Diese Mörderinnen sind anders. Sie sind gewalttätig, wild, und sie widersetzen sich ihrer Domestizierung in einer männlich dominierten Welt, die für sie nur die Rollen der Mutter, der Schwester oder der Geliebten bereithält.

 

Weibliche Dominanz – die missverstandene Lilith?

Auch Catherine Tramell verweigert sich der Domestizierung, sie bricht die Konventionen von Scham und Zurückhaltung, die weiblicher Sexualität auferlegt wurden und spricht als in jeder Hinsicht unabhängige, sexuell aggressive Frau in einer berühmt-berüchtigten Verhörszene mit völliger Selbstverständlichkeit davon, Männer zur Befriedigung ihrer Lust zu benutzen. Dabei gewährt sie den Polizisten provozierend schamlos einen Blick zwischen ihre Beine.

Hier ist nicht einfach eine subtil verführende, Beziehungen knüpfende Venus am Werk, wir sehen vielmehr eine Frau, die sich ihrer Macht über Männer bewusst ist und diese zu ihrem eigenen Vergnügen einsetzt. Dennoch ist sie nicht wirklich daran interessiert diese Macht auszuüben. Wie die mythologische Lilith will Catherine Tramell eine Begegnung auf Augenhöhe – sie will nicht immer nur unten liegen...
Bezeichnenderweise ist es diese Sex-Position (die Frau auf dem Mann sitzend), die nicht nur den Mord einleitet, der den Film mit einem Schock-Effekt beginnen lässt, sondern auch beim späteren  Sex der Protagonisten mit entsprechender Bedrohlichkeit mehrfach wiederholt wird – die Metapher ist deutlich: weibliche Dominanz kann – so die Überzeugung patriarchalen Denkens und männlicher Ängste – für den Mann tödlich ausgehen.

 

Die gefährliche Liebe – Lilith führt zurück zu Venus-Pluto

In dieser Gefahr schwebt Nick Curran, der sich auf die gefährliche Frau einlässt, auch über das Filmende hinaus. Er geht das Wagnis ein, die Mordverdächtige zu lieben – worüber alle Kollegen den Kopf schütteln und sein Partner ihn für verrückt und suizidal erklärt – weil er keine Angst vor ihr hat, aber auch, weil er in Catherine Tramells allen Konventionen trotzender Verweigerung sein eigenes Unabhängigkeitsstreben erkennt und ihre Verbundenheit mit den von der Gesellschaft verurteilten, “dunklen” Seiten menschlicher Psyche teilt.
Ihre Verbindung geht weit über die gesellschaftlich vorgesehene, konventionelle Beziehung von Mann und Frau hinaus – wie gerade in der letzten Szene nicht nur durch den Dialog über die Zukunft ihrer Beziehung deutlich wird sondern insbesondere dadurch, dass die tödliche Gefahr bestehen bleibt.

Dass gerade Michael Douglas diesen Mann spielt, der aus der sicheren “Männerwelt”  heraustritt, um sich mit der mörderischen Frau zu verbinden, ist bezeichnend: Wie ich oben bereits erwähnte, weist M. Douglas' Rollengeschichte eine intensive Auseinandersetzung auf mit der Brüchigkeit traditioneller Männlichkeitskonzepte und der daraus folgenden Verunsicherungen in den achtziger und neunziger Jahren (siehe auch Fatal Attraction, Enthüllung, Falling Down, The Game etc.). Sein Geburtshoroskop spiegelt dies – unter anderem – in der Verbindung von Uranus an der Häusergrenze 7/8 – überraschende Neuerungen in den Bereichen Partnerschaft, Bindung und Sexualität – mit Waage-Mars in Haus 11 – partnerschaftliche Männlichkeit als Ideal.
Sharon Stone wiederum ist über eine Widder-Lilith im 8. Haus ihres Radix' mit der Catherine Tramell auszeichnenden sexuellen Aggressivität und dem "mörderisch Weiblichen" vertraut.

 

 

(1)  Man bedenke, dass die Gesetzbücher mancher US-Staaten bis heute ein Verbot von Oralsex beinhalten!

(2) Eine großartige – und wunderbar schräge – Variation dieses Themas bietet Pedro Almodovars Matador von 1986, ein Film, der so poetisch wie skurril die Liebesgeschichte zwischen einem ehemaligen Stierkämpfer, dessen Lust am Töten sich nach einer Verletzung in der Arena auf Frauen richtet, und einer von ihm besessenen Lustmörderin erzählt.

 

 

© Copyright 2007 Vesna Ivković



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