MohnblütenVesna Ivkovic

Freiheit und Grenzüberschreitung

(Der folgende Text ist in leicht veränderter Form im Astro-Kalender 2007 erschienen)

 

Outlaw und Alien - Pluto-Uranus im elften Haus

 

Die Verführung des Exzentrischen

Seit mehr als zwanzig Jahren zählt zu meinen Lieblingsfilmen ein Kult gewordenes “verrücktes” Musical, die „Rocky Horror Picture Show“, dessen Hauptfigur – ein provozierender, polysexueller Transvestit und verrückter Wissenschaftler – über ein buntes Grüppchen schräger Außenseiter und Außerirdischer herrscht. Dieser Frank-n-Further (bereits der Name spricht von Uranus- und Pluto-Qualitäten) verkörpert die für die Mittsechziger geltende Konjunktion von Pluto und Uranus aufs Unterhaltsamste.

Dass für mich diese Figur und der ganze Film zu einer langjährigen Begleitung wurden, erklärt sich mir inzwischen damit, dass sich jene Pluto-Uranus-Konjunktion in meinem elften Haus – dem Bereich der Ideale, der gewählten Gemeinschaften und persönlichen Utopien – befindet und gleichzeitig in starker Verbindung zu meiner Sonne steht.


Zwischen Außenseitertum und Provokation

Bereits als Kind und Teenager konnte ich mich nie in den Gemeinschaften, die mich umgaben, wiederfinden – immer empfand entweder ich mich als „anders als die anderen“ oder ich wurde von meiner Umgebung so wahrgenommen (oft genug ging auch beides miteinander einher) und diese Vertrautheit mit dem Anderssein verband sich mit einer großen Sympathie für alle Außenseiter, Freiheitskämpfer, Tabubrecher, Outlaws...
Ich gehörte nie zu einer der vielen Cliquen, zu denen sich meine AltersgenossInnen zusammenfanden, um sich irgendwo zugehörig zu fühlen und im Prozess der sogenannten Identitätsbildung Unterstützung zu finden. Gelegentlich teilnehmend, häufiger beobachtend blieb ich an den Rändern, und war immer nur mit einzelnen Individuen der sehr unterschiedlichen Gruppen und Grüppchen verbunden.

Wo immer ich aus irgendeinem – meist sehr konkreten – Grund doch Teil einer Gruppe wurde (zumeist waren dies dann damals politische Gruppen), griff ich schon nach kurzer Zeit die mehr oder weniger ausgesprochenen Selbstverständlichkeiten dieser Gruppe an – ob es sich dabei um intellektuellen, politischen oder ästhetisch-stilistischen Konsens handelte. Dementsprechend fühlte ich mich nie irgendwo wirklich zugehörig. Und mochte mich nie mit irgendeiner Gruppe, einem Etikett, einer unverrückbaren „Gesinnung“ identifizieren.


Gruppenbildung: Abschied von persönlicher Freiheit?

Überhaupt waren mir Gruppenbildung und Gruppen immer schon suspekt, verlangten sie doch geistige, emotionale oder sonstige Bindung, die ich meist nur als Gefährdung persönlicher Freiheiten empfand.
Gleichheit erschien mir immer nur im politischen Sinne gleicher Rechte erstrebenswert, in jeder anderen Hinsicht nur langweilig, begrenzt und begrenzend.
Auch Gemeinschaft auf der Grundlage gleicher Gesinnung empfand ich immer wieder als ausgesprochen ambivalente Angelegenheit: zwar konnte ich mit Menschen, die vollkommen andere, meinen eigenen entgegengesetzte Werte hatten, so manches Mal kaum eine gemeinsame Sprache finden, meist aber waren es gerade solche Menschen, mit denen sich –bei gegenseitiger Neugier und Offenheit – dann doch die spannendsten Begegnungen ergaben, Begegnungen, die mir die Möglichkeit boten, über meine eigenen Begrenzungen hinauszuwachsen.


Zugehörigkeit und Heimatlosigkeit

Das einzige – auf große Menschenansammlungen bezogene – Erlebnis von Gefühlen wie „das ist meine Wahlfamilie“ hatte ich mit Anfang/Mitte zwanzig bei den Paraden zum Christopher Street Day.
Auch wenn ich nie in der damit verbundenen Party-Kultur heimisch wurde, so entsprach doch dieser bunt zusammengewürfelte Haufen von Außenseitern, exzentrischen Grenzgängern, rebellischen Tabubrechern und (nicht nur) sexuellen Freigeistern meiner Pluto/Uranus-Konjunktion in 11 am ehesten. Hier konnte ich (jedenfalls damals noch) zumindest an eine Gruppe glauben, in der jede persönliche „Verrücktheit“, jede individuelle Grenzüberschreitung willkommen ist.

Und natürlich waren es auch hier die „auffälligen“ und „aus dem Rahmen fallenden“ Gestalten und Grüppchen, über die ich besonders glücklich war, ob das dann gerade besonders „schrille“ Tunten, heftig umstrittene S/M-Lesben, Drag Kings oder die schwulen Bundeswehrsoldaten waren... Ihnen galt meine besondere Sympathie – den Außenseitern, denen, die sich unbeliebt machen mit ihrer ganz besonderen, eigenen Form von Grenzüberschreitung und Befreiung, den Provokateuren, die das gewohnte Denken herausfordern. Solchen Menschen kann ich mich verbunden fühlen.


Utopia der Wahlverwandtschaft

So ist die Gemeinschaft, die ich mir wünsche, die Gemeinschaft, an der ich wirklich teilhaben kann, eine freiheitliche, dabei aber intensive Auseinandersetzung bietende Gemeinschaft von Exzentrikern und Individualisten, die Grenzen überschreiten und Tabus brechen in ihrem Streben nach Wahrhaftigkeit und Freiheit.

In jeder Form von Gemeinschaft, in Freundschaften (ebenfalls ein Thema des elften Hauses) war für mich Plutos absolute Ehrlichkeit (selbst wo sie schmerzhaft sein sollte) und klare Verbindlichkeit immer nicht nur ein Ideal, sondern auch eine unabdingbare Voraussetzung. Gleichzeitig gehörte aber vollkommene Freiheitlichkeit dazu – jede/r ist unbedingt als jederzeit in seinen/ihren Entscheidungen und Gefühlen als vollkommen frei und ungebunden zu sehen. Auch wenn das paradox klingt: für mich findet sich genau darin das Ideal von wirklicher „Wahl-Verwandtschaft“: eine zu jedem Zeitpunkt frei und aus wahrhaftig empfundener Verbindung gewählte Gemeinschaft, in der nicht die formale Konvention der Beziehung, nicht Abhängigkeiten, Erwartungen und gegenseitige Bedürfnisbefriedigung oder scheinbare Selbstverständlichkeiten das Verhältnis zueinander bestimmen, sondern die immer wieder neu und frei gewählte Verbundenheit durch die Gemeinsamkeit des „Andersseins“ und das wahrhaftige, tiefe Interesse aneinander.


Explosionen grenzenloser Vielfalt – Abgründe und Dramen inbegriffen

Heute finde ich besonders im Werk Pedro Almodovars, in seinen schrägen, Geschlechter- wie Geschmacksgrenzen hemmungslos überschreitenden Figuren und ihren abseitigen Geschichten Entsprechungen für mein inneres Bild idealer Gemeinschaften. Dabei schlagen das melodramatische Pathos und die liebevoll ironisierte, ausschweifende Sentimentalität seiner Filme die Brücke zu meiner Krebs-Sonne.

Als persönliche Science-Fiction betrachtet, ist das 11.Haus der Raum, in dem sich die Utopie (manchmal auch die Dystopie) zeigt, die wir in uns tragen...
In meiner Science-Fiction entdecke ich immer wieder aufs Neue neben machtvollen „Aliens“, verrückten Wissenschaftlern, multisexuellen und „perversen“ Freigeistern vor allem eigenwillige, geistig und seelisch unabhängige, freie Menschen die sich ihre eigene (Welt-)Ordnung stricken.
Mein Utopia verbindet absoluten Freiheitswillen, ein Höchstmaß an Individualismus und die Bereitschaft zur Überschreitung von Grenzen und Tabus zu etwas, das jemand einmal in Bezug auf die “Rocky Horror Picture Show” als “Celebration of difference” bezeichnete. Das bringt es für mich auf den Punkt.

 

© Copyright 2007 Vesna Ivković

 

 



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